„Sollten wir öfter tun.“ Queere Lese- und Lebensgeschichten lockten ins Torcafé

Der Bücherfrühling in Neubrandenburg ist seit Ende April in vollem Gange. Am vergangenen Freitag veranstaltete der Verein queerNB eine Lesung im gut besuchten Torcafé und präsentierte dabei queere Lebens- und Lesegeschichten.

Die Lesenden Christoph Biallas, Iris Arndt, Boie Peters, Lisa Mau und Silvio Witt brachten mit heiteren Geschichten aus den Büchern sowie lustigen Anekdoten aus ihrem eigenen Leben das Publikum zum Lachen. Doch auch traurige und nachdenklich machende Momente fesselten die Zuhörenden.

Begrüßung durch Marcel Spittel, Vorsitzenden des queerNB e. V.: „,Queere Lebens- und Lesegeschichten‘ ist die erste Lesung unseres erst knapp drei Monate alten Vereins queerNB e. V. Neben unserem Verein beteiligen sich in diesem Jahr 15 andere Neubrandenburger Organisationen an der 29. Auflage des Norddeutschen Bücherfrühlings. Die Veranstaltung hatte ihren Auftakt bereits am 27. April, als Christian Berkel aus seinem Buch ,Der Apfelbaum‘ gelesen hatte. Am 28. Juni wird mit der Verleihung des Annalise-Wagner-Preises der Bücherfrühling beendet.

Da stellt sich die Frage, warum wir uns am Bücherfrühling beteiligen? Unserem Verein geht es darum, die Sichtbarkeit queeren Lebens in Neubrandenburg zu fördern. In Neubrandenburg leben bald 70.000 Menschen. Wenn man von einem Anteil queerer Personen von 10 % ausgeht, sind das 7.000 Vier-Tore-Städter*innen. Diese sollen auch in der öffentlichen Wahrnehmung auftauchen. Dazu gehört es aus unser Sicht, nicht nur eigene Veranstaltungen zu organisieren, sondern sich auch in das kulturelle Leben zu integrieren. Was passt da besser als ein Programmpunkt in diesem bunten Programmheft?!

Marcel Spittel begrüßt die Gäste. Foto: Thomas Haberecht.

Dabei geht es nicht ständig darum, um unsere Rechte zu kämpfen, sondern es geht auch darum, dass wir selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen Lebens sind. Dass unsere Geschichten und Lebensentwürfe, abseits der bürgerlichen Kleinfamilie, auch auftauchen. Ich denke, dass wir uns alle einig sind, dass wir uns nicht verstecken brauchen!

Diese Lesung ist daher keine gewöhnliche Autor*innenlesung. Vielmehr sollen queere Neubrandenburger*innen zu Wort kommen, ihre Lieblingsbücher vorstellen und uns erzählen, welche Geschichten sie damit in Verbindung bringen. Dazu freue ich mich Christoph Biallas, Iris Arndt, Boie Peters, Lisa Mau und Silvio Witt als Lesende begrüßen zu dürfen. Jede und jeder von ihnen hat etwa 20 Minuten Zeit für ihre bzw. seine Geschichte.“

Christoph Biallas machte den Auftakt. Er ist Vorsitzender des Neubrandenburger SPD-Ortsvereins, Wahlkreismitarbeiter von Manfred Dachner und arbeitet im Projekt „Nur Beton? Moderne in Neubrandenburg“ des Regionalmuseums. Er liest aus „Am Ende sterben wir sowieso“ von Adam Silvera.

Zum Abschluss erhält Christop Biallas viel Applaus. Foto: Thomas Haberecht.

Iris Arndt zog Anfang der 1990er Jahre zum Studium nach Neubrandenburg und blieb der Stadt seither treu. Die studierte Sozialarbeiterin und Sexualpädagogin ist seit über 20 Jahren in der INITIATIVE ROSA-LILA aktiv. Für uns liest sie Kurzgeschichten und Glossen aus „Zu viel DDR, zu wenig homosexuell“ herausgegeben von Anne Köpfer und Eike Stedefeld.

Iris Arndt engagiert sich bereits seit über 20 Jahren in Neubrandenburg für Lesben und Schwule. Foto: Thomas Haberecht.

Boie Peters ist Integrationsbeauftragter der Stadt Menden im Sauerland. Im vergangenen Jahr war er im Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern und stieß dabei auf unsere Website. Fortan entwickelte sich eine Verbindung zwischen Boie und queerNB. Für unser Heft schrieb er im vergangen Jahr zahlreiche Kurzgeschichten. Er stellte uns kein Buch vor, sondern hat eigene Texte mitgebracht.

Weit angereist: Boie Peters lebt eigentlich im sauerländischen Menden. Foto: Thomas Haberecht.

Lisa Mau ist die stellvertretende Vorsitzende im queerNB e. V. und die Powerfrau des Vereins. Die Neubrandenburgerin ist stolze Mutter einer 13jährigen Tochter und seit letztem Jahr glücklich verheiratet. Sie liest „Faltenweise. Lesben und Alter“ von Traude Bührmann.

Lisa Mau begeisterte vor allem durch ihre persönliche Anekdoten. Foto: Thomas Haberecht.

Silvio Witt ist seit 2015 Oberbürgermeister der Stadt Neubrandenburg. Er sagt: „Ich bin so, wie ich bin, und dass ich schwul bin, ist für mich selbstverständlich – ich kenne es ja nicht anders. Irgendwann wurde das so selbstverständlich, dass ich es, wenn überhaupt, nur in einem Nebensatz erwähne.“ Und: „Ich denke schon darüber nach, ob ich das Schwulsein ein bisschen mehr nach außen trage. Ich tue mich aber schwer damit, denn eigentlich will ich ja gerade, dass es nichts Besonderes ist. Andererseits ist es aber gerade dafür vielleicht doch notwendig, hin und wieder öffentlich darüber zu sprechen.“ Er liest aus „Ein Leben in eigenen Worten“ von Freddie Mercury und „Freddie Mercury und ich“ von Jim Hutton. Zum Abschluss äußerte sich Oberbürgermeister Silvio Witt begeistert: „Sollten wir öfter tun.“

Silvio Witt ist nicht nur Oberbürgermeister, sondern auch begeisterter Freddie Mercury-Fan. Foto: Thomas Haberecht

Wir danken Manuela Beyer, Inhaberin des Torcafés, für die freundliche Bewirtung. Außerdem danken wir Thomas Haberecht von den Fotofreunden Neubrandenburg für diese tollen Bilder. Unser Dank gilt auch allen Gästen, die unsere Vereinsarbeit mit ihrer Spende unterstützt haben! Zum Abschluss danken wir den beteiligten Lesenden dafür, dass sie uns einen Einblick in ihre ganz persönlichen, teils intimen, Geschichten gegeben haben.