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Homosexuelles Paar flieht vor seiner Familie aus der Türkei bis nach Neubrandenburg

Sertan und Can sind aus der Türkei geflüchtet. Ihre Liebe wird von ihrer Familie nicht toleriert. Nun bangen sie darum, in Neubrandenburg bleiben zu können.

Sertan und Can sind auf der Flucht. Nicht vor einem Krieg, vor keiner Naturkatastrophe und keiner Hungersnot. Sie fliehen vor ihren Familien. Denn eine Liebe zwischen zwei Männern darf in der Welt, aus der die beiden kommen, nicht existieren. „Ich habe mich immer schuldig gefühlt. Aber ich bin nicht krank und nicht schlecht, ich bin ein Mensch“, sagt Can, an dessen Hals sich rosa Flecken ausbreiten, als er seine Geschichte erzählt.

Angst vor der eigenen Verwandtschaft

Mit seinem Freund Sertan lebt er seit Mai 2023 in Neubrandenburg. Doch Ruhe können sie hier bislang nicht finden. Sie zittern vor der Abschiebung in die Niederlande, wo sie nach ihrer Flucht aus der Türkei das erste Mal den Boden der Europäischen Union betreten haben. Doch auch in den Niederlanden haben sie Verwandte, die ihre Liebe nicht tolerieren. Und die werden sie suchen, befürchten die beiden.

Sertan und Can sind seit knapp vier Jahren ein Paar. Can hat Literaturwissenschaft studiert, Sertan ist biomedizinischer Ingenieur. In ihrer Heimatstadt Istanbul hätten sie ihre Beziehung verheimlichen müssen, in ständiger Angst, von ihren streng religiösen Verwandten entdeckt zu werden. Eine Weile ging das gut, sie trafen sich mit anderen queeren, also nicht heterosexuellen, Freunden in Wohnungen.

Vom Bruder ertappt – die Situation eskalierte

Doch sicher waren sie nie. Das wurde an dem Tag klar, als Sertans älterer Bruder sah, wie sie miteinander schliefen. Er sei ausgerastet, habe sie angegriffen und das Zimmer verwüstet. Kurz darauf wussten es auch Sertans Eltern. „Meine Mutter hat geweint und ich hatte solche Angst“, erinnert sich Sertan.

Seine Eltern machten für ihn einen Plan: sechs Monate Militärdienst, dann Heirat mit einer Frau und die Sache werde vergessen. Sertan gab dem Druck nach und willigte ein. Beim Militär habe ihn wenigstens keiner seiner Familienmitglieder angreifen können, sagt er. In den folgenden sechs Monaten fassten sein Freund Can und er einen eigenen Plan. Sie entschieden, in die Niederlande zu fliehen. Als die sechs Monate bei der Armee vorbei waren, stiegen sie ins Flugzeug.

Freunde in Deutschland

Wenige Tage nach der Landung seien die ersten Drohanrufe gekommen. Verwandte in den Niederlanden würden sie finden, habe Sertans Tante am Telefon gesagt, nachdem sein Bruder herausgefunden hatte, wo sie waren. Sertan und Can bekamen Angst und entschieden, nach Deutschland zu fliehen. „In Berlin leben Freunde von uns, die uns helfen wollten. Als wir bei ihnen ankamen, wurde alles leichter“, sagt Can.

Doch auch in Berlin sollten sie nur kurz bleiben. Nachdem sie einen Asylantrag gestellt hatten, wurden sie in die Erstaufnahmeeinrichtung Horst und von dort nach Neubrandenburg geschickt. Seitdem leben sie hier und besuchen an den Wochentagen einen Deutschkurs.

Sertan und Cans Asylantrag wurde als unzulässig beschieden. Zuständig seien, darauf verweist die deutsche Behörde, laut der sogenannten Dublin-Verordnung die Niederlande. Bis zum 9. Januar dürfen sie noch in Deutschland bleiben, dann ist die sogenannte Dublin-Überstellung fällig.

Die beiden hoffen, ihren Aufenthalt um vier weitere Tage verlängern können, denn dann haben sie eine reale Chance auf Asyl in Deutschland. Am 13. Januar endet die sechsmonatige Frist, in der die Abschiebung in die Niederlande erfolgt sein muss. Wird diese Zeit überschritten, muss Deutschland mit der Prüfung des als unzulässig abgestempelten Asylantrages beginnen und Sertan und Can hätten die Möglichkeit, ihre Geschichte dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zu schildern.

Auch mit einem Anwalt sind die beiden in Kontakt. Die Chancen stünden nicht schlecht, habe der gesagt. Dennoch sei es im Moment hart für sie, täglich denken sie an die drohende Abschiebung – und deren Folgen. „Wenn uns etwas in den Niederlanden passiert, dann ist das auch die Schuld von Deutschland. Wir haben ein Recht darauf, hier zu bleiben“, findet Can.

Hintergrund: Homosexualität in der Türkei

Homosexualität ist in der Türkei nicht verboten. Queere Menschen sind jedoch Anfeindungen und Diskriminierung ausgesetzt. Präsident Erdoğan und dessen Innenminister bezeichnen sie als „pervers“, oder als „Terroristen“, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung.

Veranstaltungen queerer Menschen seien fast vollständig verboten worden. Gewalttätige Angriffe auf die Szene blieben hingegen ohne Konsequenzen. Aus Angst vor der Familie halten viele queere Menschen zudem ihre Sexualität geheim. Laut der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) kommt es immer wieder zu sogenannten Ehrenmorden an Familienmitgliedern. Die Polizei helfe in der Regel nicht, wenn queere Menschen Anzeigen stellen.

Text: Dieser Artikel von Pablo Himmelspach erschien erstmalig im Nordkurier. Wir danken, dass wir den Text hier veröffentlichen dürfen.

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